

Es geschah im 19. Jahrhundert, dass ein Mann einen polnischen Rabbi besuchte. Als der Besucher sah, dass die Wohnung des Rabbi aus einem einzigen Zimmer bestand, in dem sich nur Bücher, ein Tisch und eine Bank befanden, fragte er verwundert. „Rabbi, wo haben Sie Ihre Möbel?“
„Wo haben Sie Ihre?“ erwiderte der Rabbi.
„Meine?“ fragte der verblüffte Fremde. „Aber ich bin doch nur zu Besuch hier. Ich bin auf der Durchreise.“
„Ich auch“, sagte der Rabbi.
Jüdische Legende
An einem Fluss wohnten zwei Bauern, der eine am rechten, der andere am linken Ufer.
Die Bauern waren neidisch aufeinander. Wenn sie morgen pflügten, schimpfte der eine, weil sein Feld im Schatten lag, das des Nachbarn aber in der Sonne. Und wenn sie abends Holz hacken, schimpfte der andere, weil sein Haus jetzt im Schatten, das des Nachbarn aber in der Sonne lag. Auch die Frauen der Bauern waren unzufrieden, und eines Morgens, als die eine Wäsche aufhing, schrie sie ein böses Wort ans linke Ufer hinüber, und als sie aends die Wäsche abnahm, gab die andere das böse Wort ans rechte Ufer zurück.
Nur mittags, wenn die Sonne hoch am Himmel stand, herrschten Ruhe und Frieden, weil die baern mit Ihren Frauen unter den Apfelbäumen lagen und schnarchten.
Die beiden Kinder der Bauern aber saßen in der Mittagszeit am Wasser und langweilten sich. Doch eines schönen Tages war der Wasserspiegel so gesunken, und aus dem Wasser ragten so viele große Steine, dass die Kinder hinüberhüpfen konnten. Sie trafen in der Mitte zusammen. Sie setzten sich auf einen großen Stein und fingen an, sich Geschichten zu erzählen, und sie hüpften nun jeden Mittag über die Steine, um sich in der Mitte zu treffen. Die Eltern aber wunderten sich, woher ihre Kinder plötzlich Dinge wussten, von denen sie selbst noch nie gehört hatten. Doch eines Tages, nach einem langen Regen, hören die Kinder auf, Geschichten zu erzählen, zu lachen, zu singen. Das Wasser im Fluss war wieder angestiegen und die Kinderbrücke verschwunden. Da erfuhren die Eltern endlich das Mittagsgeheimnis ihrer Kinder, und sie fingen an nachzudenken.
Und als sie lange genug nachgedacht hatten, beschlossen sie, zusammen mit Ihren Kindern, aus den übrig gebliebenen Steinen eine Brücke zu bauen.
Märchen aus der Tschechoslowakei
Ein reicher Mann kam ins Sterben. Er erwachte im Paradies. Eine reichgedeckte Tafel verhieß wahrhaft himmlische Freude. Er fragte nach den Bedingungen zum köstlichen Genuss. Alles kostet nur einen Groschen, war die Antwort. Da dachte der Mann an seinen Reichtum und freute sich von Herzen. Doch als er bezahlen wollte, schüttelte man den Kopf. Du hast in deinem Erdenleben wenig gelernt. Bei uns gilt nur das Geld, das einer verschenkt hat. Da wurde der Mann traurig. Er war plötzlich bettelarm, denn er hatte in seinem Leben nichts verschenkt.
Aus Asien
Ein reicher Mann kam ins Sterben. Er erwachte im Paradies. Eine reichgedeckte Tafel verhieß wahrhaft himmlische Freude. Er fragte nach den Bedingungen zum köstlichen Genuss. Alles kostet nur einen Groschen, war die Antwort. Da dachte der Mann an seinen Reichtum und freute sich von Herzen. Doch als er bezahlen wollte, schüttelte man den Kopf. Du hast in deinem Erdenleben wenig gelernt. Bei uns gilt nur das Geld, das einer verschenkt hat. Da wurde der Mann traurig. Er war plötzlich bettelarm, denn er hatte in seinem Leben nichts verschenkt.
Aus Asien
„Wird dir die Last nicht zu schwer?“ wurde in Indien ein Mädchen gefragt, das seinen kranken Bruder auf der Schulter trug.
„Das ist keine Last, das ist mein Bruder“, antwortete die Schwester.
Ein indischer Fürst rief einmal alle Blindgeborenen des Landes zusammen, um ihnen einen Elefanten zu zeigen.
Da versammelten sich nur die Menschen, die noch nie in ihrem Leben etwas hatten sehen können, und betasteten das große Tier. Ei jeder gerade dort, wo er stand. Dann ging der Fürst zu den Blinden hin und fragte: „Habt ihr erkannt, was ein Elefant ist?“ „Ja“, erwiderten alle. Und als er weiter fragte: „Wie ist denn der Elefant?“ sagt einer, der das große Ohr betastet hatte: „Der Elefant ist wie eine Schaufel.“ – „Nein, der Elefant ist wie eine Schlange“, meinte ein anderer, der den Rüssel in der Hand hielt. „Wie ein Baum ist ein Elefant!“ sagte der Nächste, der mit beiden Händen ein Bein des Tieres umfasst. „Wie ein Besen ist er“, sagte der, der das Schwanzende zwischen den Fingern hatte.
Und sie gerieten in einen heftigen Streit über den Elefanten. Jeder wollte recht haben und traute nur seinen eigenen Erfahrungen. Aber sie vermochte sind, das Ganze zusammenzubringen und zu erkennen, wie ein Elefant in Wahrheit von Gestalt und Aussehen ist.
Indisches Märchen
Khing, der Meister der Holzarbeiter, schnitzte einen Glockenspielständer. Als er vollendet war, schien das Werk allen, die es sahen, als sei es von Geistern geschaffen. Der Fürst von Lu fragte den Meister: „Die Untertan ist nur ein Handwerker“, antwortete Khing, „was für ein Geheimnis könnte er besitzen? Und doch ist das etwas. Als ich daranging, den Glockenspielständer zu machen, hütete ich mich vor jeder Minderung meiner Lebenskraft. Ich sammelte mich, um meinen Geist zu unbedingter Ruhe zu bringen. Nach drei Tagen hatte ich allen Lohn, den ich erwerben könnte, vergessen. Nach fünf Tagen hatte ich allen Ruhm, den ich erwerben könnte, vergessen. Nach sieben Tagen hatte ich meine Kleider und meine Gestalt vergessen. Auch der Gedanke an deinen Hof, für den ich arbeiten sollte, war verschwunden.
Da sammelte sich meine Kunst, von keinem Außen mehr gestört. Nun ging ich in den Hochwald. Ich sah die Form der Bäume an. Als ich einen erblickte, der die rechte Form hatte, erschien mir dr Glockenspielständer, und in ging ans Werk.
Hätte ich diesen Baum nicht gefunden, ich hätte die Arbeit lassen müssen.“
Tschuang-Tee
Ein Araber war verirrt in der Wüste. Zwei Tage hatte er nichts zu essen und war in Gefahr, vor Hunger zu sterben: bis er endlich eine von den Wassergruben antraf, aus denen die Reisenden ihre Kamele tränken, neben welcher er im Sande einen kleinen ledernen Sack liegen sah. „Gotte gelobt“, sagte er, als er ihn aufhob und anfühlte, „das sind, glaub ich, Datteln oder Nüsse; wie will ich mich an ihnen erquicken und laben!“ In dieser süßen Hoffnung öffnete er den Sack: sah was er enthielt, und rief voll Traurigkeit aus: „Ach, es sind nur Perlen!“
Aus dem Orient
Ein Weiser ging einmal über Land und sah einen Mann, der einen Johannisbrotbaum pflanzte. Er blieb bei ihm stehen, sah ihm zu und fragte: „Wann wir das Bäumchen wohl Früchte tragen?“
Der Mann erwiderte: „In siebzig Jahren.“
Da sprach der Weise: „Du Tor! Denkst du, in siebzig Jahren noch zu leben und die Früchte deiner Arbeit zu genießen? Pflanze lieber einen Baum, der eher Früchte trägt, dass du dich ihrer erfreust in deinem Leben.“
Der Mann aber hatte sein Werk vollendet und sah freudig darauf und antwortete: „Herr, als ich zur Welt kam, da fand ich Johannisbrotbäume und aß von Ihnen, ohne dass ich sie gepflanzt hatte, denn das hatten meine Väter getan. Habe ich nun genossen, wo ich nicht gearbeitet habe, so will ich einen Baum pflanzen für meine Kinder und Enkel, dass die davon genießen. Wir Menschen mögen nur besehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht.“
Es waren einmal zehn Bauern, die gingen miteinander über das Feld. Sie wurden von einem schweren Gewitter überrascht und flüchteten sich in einen halb zerfallenen Tempel. Der Donner kam aber immer näher, und es war ein Getöse, dass die Luft ringsum erzitterte. Kreisend fuhr ein Blitz fortwährend um den Tempel her.
Die Bauern fürchteten sich sehr und dachten, es müsse wohl ein Sünder unter ihnen sein, den der Blitz schlagen wolle. Um herauszubringen, wer es sei, machten Sie aus, ihre Strohhüte vor die Tür zu hängen; wessen Hut weggeweht werde, der solle sich dem Schicksal stellen.
Kaum waren die Hüte draußen, so ward auch einer weggeweht, und mitleidlos stießen die anderen den Unglücklichen vor die Tür.
Als er aber den Tempel verlassen hatte, da hörte der Blitz zu kreisen auf und schlug krachend in den Tempel ein.
Chinesisches Märchen
Zwei Mönche lasen in einem alten Buch, es gebe einen Ort auf dieser Welt, wo Himmel und Erde einander berühren. Sie lasen weiter<. Wer diesen Ort finde, der habe das Glück seines Lebens gefunden.
Da machten sie sich auf, diesen Ort zu suchen. Der Weg schien ungeheuer weit. Sie nahmen große Anstrengungen auf sich und konnten lange nicht finden, was sie suchten. Eine Tür sei dort, hatten sie gelesen, man brauche nur zu klopfen und einzutreten.
Endlich fanden sie doch, was sie suchten. Sie standen vor der Tür und klopften an.
Und als sie aufschauten, stand sie zu Hause in ihrer Klosterzelle.
Drei Frauen kommen an einen Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Sei sprechen von ihren Söhnen. „Meinen Sohn solltet ihr singen hören“, sagte die erste, „das tönt so schön, als wenn eine Nachtigall singen würde.“
Die zweite sagt: „Mein Sohn ist stark und schnell. Er schleudert einen Stein fast bis zu den Wolken und fängt ihn wieder auf.“
Die dritte schweigt.
Da fragten die anderen: „Und dein Sohn?“
„Was soll ich erzählen“, sagt sie, „mein Sohn ist ein junger Bursche wie andere auch.“
Nun machen sie die drei Frauen auf den Heimweg, die Sonne brennt, der Wassereimer wird schwer. Da kommen den Frauen drei junge Burschen entgegen. Der erste singt so schön wie eine Nachtigall, der zweite schleuderte Steine in die Luft und fängt sie wieder. Der dritte aber läuft zu seiner Mutter und nimmt ihr den Eimer ab.
Ein alter Mann neben dem Brunnen hat alles mit angesehen. Eine der drei Frauen fragt ihn: „Nun, was sagst du zu unseren drei Söhnen?“
„Drei Söhne“, fragte der Alte, „ich sehe nur einen.“
Leo N. Tolstoi
Durch eine Oase ging ein finsterer Mann. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rand der Oase stand ein junger Palmbaum im besten Wachstum. Er stach ihm in die Augen. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem bösen Lächeln ging er nach dieser Heidentat weiter. Die junge Palme schüttelte sich und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln. Vergebens. Zu fest saß der Stein in der Krone. Da krallte sich der Baum tiefer in den Boden und stemmte sich gegen die steinerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verbogene Wasserader der erreichten, und er stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte. Wasser aus der Tiefe und Sonnenlicht aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum. Nach Jahren kam der Mann wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu freuen, den er verdorben hatte. Er suchte vergebens. Da senkte die größte Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: „Du wolltest mich verderben, aber deine Last hat mich stark gemacht.“
Afrikanisches Märchen
Rainer Maria Rilke ging in der Zeit seines Pariser Aufenthaltes regelmäßig über einen Platz, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne je aufzublicken, ohne ein Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern, saß die Frau immer am gleichen Ort.
Rilke gab nie etwas, seine französische Begleiterin warf ihr häufig ein Geldstück hin. Eines Tages fragte die Französin verwundert, warum er nicht gebe. Rilke antwortete: „Wir müssten ihm Herzen schenken nicht ihrer Hand.“
Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unterwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.
Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Nach acht Tagen saß sie plötzlich wieder an der gewohnten Stelle. Sie war stumm wie damals, wiederum nur wieder ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand.
„Aber wovon hat sie denn in all den Tagen gelebt“ fragte die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose…“
Ein armer Bauer hatte sehr mageres Land zu beackern und nur einen Sohn, der ihm half und nur ein Pferd zum Pflügen. Eines Tages lief ihm das Pferd davon. Alle Nachbarn kamen und bedauerten den Bauern wegen des Unglücks. „Woher wisst ihr, dass es ein Unglück ist?“ fragte der Bauer ruhig.
In der nächsten Woche kam das Pferd zurück und brachte zehn Wildpferde mit. Die Nachbarn kamen alle und gratulierten dem Bauern zu seinem Glück.
„Woher wisst ihr, dass es Glück ist?“ fragte der Bauer.
Eine Woche später ritt ein Sohn auf einem der wilden Pferde, fiel herunter und brach sich ein Bein. Nun war der Vater ohne Hilfe. Die Nachbarn kamen wieder und bedauerten das Unglück, aber der Bauer fragte ruhig: „Woher wisst ihr, dass es Unglück ist?“
In der folgenden Woche brach ein Krieg aus. Soldaten kamen ins Tal, um junge Männer mitzunehmen. Den Bauernsohn ließen sie da, weil er das gebrochene Bein hatte.
Eine große Trockenheit war über das Land gekommen. Zuerst war das Gras braun und grau geworden. Dann starben die Büsche und kleinere Bäume. Kein Regen fiel, der Morgen erwachte ohne die Erfrischung des Taues. Die Tiere waren in großer Anzahl verdurstet, denn nur wenige hatten noch die Kraft gehabt, aus dieser Wüste zu fliehen. Die Trockenheit dauerte an. Selbst die stärksten, ältesten Bäume, deren Wurzeln bis tief in die Erde reichten, verloren ihre Blätter. Alle Brunnen und Flüsse, die Quellen und Bäche waren vertrocknet.
Eine einzige Blume war am Leben geblieben, denn eine ganz kleine Quelle gab ihr noch ein paar Tropfen Wasser. Doch die Quelle war am Verzweifeln: „Alles vertrocknet und verdurstet und stirbst. Ich kann doch daran nichts mehr ändern. Wozu soll es noch sinnvoll sein, dass ich ein paar Tropfen aus der Erde hole und auf den Boden fallen lasse?“
Ein alter, kräftiger Baum stand in der Nähe. Er hörte die Klage und sagte noch zu Quelle, bevor auch er starb. „Niemand erwartet von dir, die ganze Wüste zum Grünen zu bringen. Deine Aufgbe ist es, einer Blume Leben zu geben. Mehr nicht.“
Afrikanisches Märchen
Der Straßenkehrer Beppo sagt:
„Manchmal hat man eine sehr lange Strecke vor sich.
Man denkt, die ist so schrecklich lang, das kann man niemals schaffen.
Aber man darf niemals die ganze Straße auf einmal denken. Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.
Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“
Michael Ende
Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, wollte er einen der beiden zu seinem Nachfolger bestellen. Er versammelt die Weisen seines Landes und rief seine Söhne herbei.
Er gab jedem der beiden fünf Silberstücke und sagte: „Füllt für dieses Geld die Halle in unserem Schloss bis zum Abend. Womit, das ist eure Sache.“
Der Älteste ging davon und kam an einem Feld vorbei. Dort waren die Arbeiter dabei, das Zuckerrohr zu ernten und in einer Mühle auszupressen. Das ausgepresste Zuckerrohr lag nutzlos umher. Er dachte sich: „Das ist eine günstige Gelegenheit, mit diesem nutzlosen Zeug die Halle zu füllen.“
Bis zum Abend war es geschafft. Der älteste Sohn ging zu seinem Vater und sagte: „Ich habe deine Aufgabe erfüllt. Auf meinen Bruder brauchst du nicht zu warten. Mach mich zu deinem Nachfolger.“
Der Vater antwortete: „Es ist noch nicht Abend. Ich werde warten.“
Bald darauf kam auch der jüngere Sohn. Er bat darum, das Zuckerrohr wieder aus der Halle zu entfernen. Nachdem das geschehen war, stellt er mitten die die Halle eine Kerze und zündete sie an.
Ihr Schein erfüllt die Halle bis in die letzte Ecke. Der Vater sagte: „Du sollst mein Nachfolger sein. Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und hast sie mit Licht erfüllt. Das ist es, was die Menschen brauchen.“
Von den Philippinen
Ein chinesischer Gelehrter kam nach Berlin. Sein deutscher Kollege erwartete ihn auf dem Bahnsteig. Von dort gingen sie zum Bahnhofsvorplatz. Als sie aus der Halle traten, stand der Bus schon an der Haltestelle gegenüber. Er musste jeden Augenblick abfahren. Da ergriff der deutsche Professor die Hand de Chinesen: „Kommen Sie! Kommen Sie!“ rief er ihm zu.
Die beiden hasteten über den Platz und erreichten gerade noch den Bus. Kaum waren sie drinnen, setzte er sich in Bewegung.
Aufatmend schaute der Deutsche auf die Uhr. „Gott sei Dank“, sagte er, „jetzt haben wir zehn Minuten gewonnen.“
Der Chinese aber schaute ihn fragend an und meinte lächelnd: „Und was machen wir mit diesen zehn Minuten?“
Wladimir Lindenberg
Ein in der Meditation erfahrener Mönch wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so gesammelt sein könne. Dieser sagte: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich spreche, dann spreche ich….
Wieder sagten die Leute: “Nein. Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel…
Ein Zen-Mönch
Zwei Kameraden gingen durch den Wald; plötzlich sprang ein Bär hervor. Der eine lief weg und kletterte auf einen Baum, der andere blieb auf dem Pfad. Er warf sich auf die Erde und stellte sich tot.
Der Bär ging zu ihm und schnüffelte an ihm herum.
Der Mann hörte sogar auf zu atmen. Der Bär beroch sein Gesicht, glaubte er sei tot und ging dann weg.
Als der Bär weggegangen war, kam der andere vom Baum und lachte: „Na“, sagte er, „was hat der Bär dir ins Ohr gesagt?“
„Er hat mir gesagt, dass diejenigen böse Menschen sind, die in Gefahr ihren Kameraden im Stich lassen.“
Leo N. Tolstoi
„Du siehst so unzufrieden aus“, bemerkte ein Eimer zu seinem
Kameraden, als sie zum Brunnen kamen.
„Ach“, meinte der andere, „ich dachte gerade daran, wie
nutzlos es ist, immer neu gefüllt zu werden, wenn wir doch immer wieder leer
zurückkommen.“
„Na sowas“, sagte der erste, „so habe ich das noch nicht
gesehen. Ich freue mich immer über den Gedanken, dass wir, obgleich wir leer
kommen, doch immer wieder gefüllt weggehen.“
H. I. Gee
